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Der Kater nach der Party dauert meist länger als man glaubt


Wangen im Allgäu, 29. März 2018: In letzten Monaten haben wir immer wieder über die Party an den Märkten und in der Wirtschaft geschrieben. Davon, dass die Stimmung auch während einer Party überhitzt und die Besucher denken, dass es immer so bleiben würde. Wir haben auch darüber räsoniert, dass die Stimmung irgendwann kippt - auch wenn die Party grundsätzlich gut besucht, erfolgreich und kurzweilig bleibt – einfach weil die Stimmung nicht immer weiter steigen kann, und sie „gefühlt“ dann schlechter wird.

Was bisher geschah:

Es war einmal eine Finanzkrise 2007-2009. Die Angst herrschte vor, dass das globale Finanzsystem zusammenbricht und mit ihm die gesamte Weltwirtschaft. So kam es nicht. Nach anfänglichem Zögern erholten sich die sogenannten Risiko-Anlageklassen wie Aktien wieder. Flankiert wurde dies durch eine enorme Liquiditäts-Flut der internationalen Notenbanken. „Die Flut hebt alle Boote“ lautet ein geflügelter Spruch an der Börse. Und so stiegen mit der sich erholenden Weltkonjunktur nicht nur Aktien, sondern im Prinzip auch alle anderen Vermögensklassen wie Anleihen, Immobilien, Kunst, Oldtimer usw.

Jedoch herrschte nicht überall eitel Sonnenschein. Nein, es gab auch Weltregionen, wo weiterhin Angst und Sorge vorherrschten. Da sich die Rohstoffpreise nicht nachhaltig erholten, blieben die ökonomischen und politischen Probleme in vielen Rohstoffländern erhalten (Südamerika, Afrika, Russland usw.). Auch die Eurokrise hatte unseren heimischen Kontinent aus Anlegersicht massiv im Griff. Der Tiefpunkt dieser Sorgenphase war Anfang 2016 erreicht, als alle Welt davon ausging, dass die Wachstumsstory Chinas zu Ende geht und die ganze Weltwirtschaft mit nach unten ziehen würde (wir teilten diese Ansicht nicht – bitte nachlesen!). Seither – das ist fast exakt zwei Jahre her – erholt sich alles. Rohstoffpreise steigen an, dies führt zu Kapitalfluss in die genannten Rohstoff-Regionen der Erde und zu einem Ende langjähriger Rezessionen (der Ölpreis ist beispielsweise von 30 Dollar auf 70 Dollar angestiegen). Die Eurokrise ist mit der Wahl Macrons zum franz. Staatspräsidenten wie weggeblasen. Kurz gesagt – es hat sich fast in der ganzen Welt zum Besseren gewendet. Die Aktienmärkte nehmen so etwas natürlich als erstes auf und stiegen zum Teil massiv an. Ein synchrones Wachstum nahezu der gesamten Welt gab es schon lange nicht mehr. Gleichzeit blieben die Zinsen niedrig und die Notenbanken fluteten die Märkte mit mehr Geld. Was kann es Schöneres geben?

Mit Trump wurde der Turbo eingeschaltet

In dieses Idealszenario kam Donald Trump 2017 mit den Plänen seiner Steuerreform. Wenn die größte Volkswirtschaft der Welt seine Wirtschaftspolitik massiv freundlicher gestaltet (niedrigere Steuersätze, hohe Abschreibungen für Investitionen, weniger Regulierung und Bürokratie), so hat dies enorm dynamisierende Auswirkungen auch auf andere Länder in der Welt. Auch hier nahmen dies die Aktienmärkte, in erster Linie natürlich in den USA, früh auf und beschleunigten ihren schon jahrelang anhaltenden Kursaufschwung noch zusätzlich.

Aber auch die Indikatoren aus der Wirtschaft stiegen auf hohe und höchste Niveaus an. Einkaufsmanager-Indices, Ifo-Geschäftsklima-Index und viele andere Konjunkturindikatoren erreichten Spitzenwerte. Selbst die Verbraucher in allen Ländern waren in Konsumlaune wie nie zuvor.

Die eh schon gute Stimmung und gestiegenen Märkte wurden nochmals angeheizt.

Die Party erreicht ihren Höhepunkt

Wie so oft und auf vielen Partys gibt es diverse Stimmungskiller. Entweder verlassen liebenswerte Gäste zu früh das Geschehen, es ist zu laut und die Nachbarn beschweren sich oder schicken gar die Polizei. Manchmal gibt es auch einen, der rumpöbelt und Streit sucht. Das Bier oder der Wein geht aus oder es wird einfach spät und alle werden müde. Komisch, eigentlich weiß man ja, dass jede Party enden muss, aber man will es nicht wahrhaben. Genauso läuft es an den Kapitalmärkten.

Im Dezember-Kommentar schrieben wir, dass die Party ihren Höhepunkt erreicht und wenig ausreicht, um die gute Stimmung zu beenden. Wer dieser Stimmungskiller sein wird, ist im voraus jedoch nur schwer zu sagen.

Stimmungskiller: Inflation und steigende Zinsen

Ende Januar war es dann soweit. Plötzlich verbreite sich der Glaube, dass die Inflation so stark ansteigen könnte, dass die US-Zentralbank die Zinsen viel stärker anheben müsste, als sie das bisher geplant hätte. Ja sogar die Europäische Zentralbank (EZB) würde rasch ihr Anleihenkaufprogramm einstellen und über Zinserhöhungen nachdenken müssen. Sollte das der Fall sein, bräche natürlich ein wichtiger Faktor für alle Märkte – Liquidität und günstige Zinsen – weg. Was folgte waren parallele Verkäufe in beiden großen Kapitalmarktsegmenten: Aktien und Anleihen.

Normalerweise laufen die beiden Anlageklassen spiegelverkehrt. Wenn die Aussichten positiv sind, werden Aktien gekauft und Festverzinsliche verkauft. Wenn es schlechter aussieht verkauft man Aktien und kauft sichere Anleihen. Und genau so sind viele Portfolios institutioneller Anleger in der Welt aufgebaut, nämlich ausgeglichen in Aktien und Anleihen, um einen Risikoausgleich zu haben.

Fallen jedoch beide Anlageklassen, hat man nichts im Portfolio, was die Verluste ausgleicht und man ist gezwungen zu verkaufen. Das geschah vereinfacht gesagt weltweit Anfang Februar.

Zinsängste übertrieben

So lautete die Überschrift in unserem letzten Kommentar Anfang März. Erstens sind Inflationsraten zyklisch und hängen an 12-Monats-Veränderungen der Rohstoffpreise (vereinfacht dem Ölpreis). Zweitens werden Rohstoffpreise in Europa fast immer vom Euro gedämpft. D.h. Inflation ist hierzulande meist eh nur ein viel geringeres Thema als z.B. in den USA. Aber auch dort ist nicht alles Gold was glänzt in der Wirtschaft. Viel Wachstum, aber oft qualitativ schlechtes bzw. nicht nachhaltiges Wachstum wird generiert. So sind die vielen Jobs, die die letzten Jahre geschaffen wurden, oft Stellen im Dienstleistungs-Sektor – eher schlecht bezahlt, ohne Sozialversicherung und nicht langfristig.

Trump trumpft als fairer Freihändler auf

Just als das Inflations- und Zinsanstiegsgespenst die Party-Stimmung kurz zur Abkühlung brachte, aber gottseidank wieder verschwand, betrat ein anderer Störenfried den Partyraum. Donald Trump, bis dahin der gefeierte Partystar, der erst spät (sagen wir gegen Mitternacht) die Party betrat (Herbst 2017) und nochmals mit seiner Steuerreform für kräftig Stimmung sorgte, gab nun den Partykiller, indem er andere Gäste (Europa, China…) mit Handelszollplänen anpöbelte und somit die Stimmung richtig versaute, so dass nahezu alle Gäste (die gesamte Weltwirtschaft) in Sorge geriet die Party könnte komplett vorbei sein (Weltwirtschaft wächst nicht mehr).

Vordergründig nur als Störenfried der ach so tollen Rahmenbedingungen für die Aktienmärkte gebrandmarkt, sollte jedoch der grundsätzliche Sinn für Trumps Auftreten hinterfragt werden. Natürlich sind die EU und China ganz vorne dabei, ihre Märkte mit Zöllen und anderen diversen Handelsbeschränkungen abzuschotten. Beispielsweise sind 80% des europäischen Agrarmarktes abgeschottet. China verlangt hohe Zölle auf Einfuhren und erlaubt kaum Unternehmenskäufe im eigenen Land, tritt jedoch sehr forsch auf, wenn es darum geht, sich europäisches und amerikanisches Industrie- und Technologie-Know How im Rahmen von Übernahmen anzueignen. Man könnte also sagen, Trump will nur einen faireren Welthandel, als das bisher der Fall ist. Oder was würden Sie verehrter Leser als US-Präsident tun, wenn Sie Ihr Autobauer fragt, warum europäische Autohersteller nur 2,5% Zoll für Exporte in die USA zahlen müssen, er aber 10% für seine Exporte nach Europa? Warum man für Exporte nach China 25% Zoll zahlen muss (inklusive Patentklau und Plagiate), Chinesen aber in die USA 10% oder gar nichts (je nach Produktgattung) bezahlen? Berechtigte Fragen, oder? Die Art und Weise wie Donald Trump auftritt, ist natürlich gewöhnungsbedürftig, aber evtl. auch Absicht. Denn ohne Angst zu schüren, dass er es wirklich ernst meint, würde er wahrscheinlich bei der EU und den Chinesen keine Veränderungsbereitschaft erreichen. Denn ohne Zweifel würden bei einem echten Handelskrieg alle verlieren, in erster Linie jedoch die exportstarken Nationen wie China und Deutschland.

Unsere Sicht ist also, dass Herr Trump lediglich fairere Handelsbedingungen und unter dem Strich eine weitere Öffnung der Märkte erreichen (erzwingen) will. Das wäre am Ende sogar gut für die langfristigen Wachstumsaussichten. Bis dahin bleibt aber ein gehöriges Maß an Unsicherheit.

Conclusio

Für uns bleibt, jede Party, die zu gut und zu lange läuft, endet irgendwann. Je besser sie war, desto größer ist der Kater danach. Die Aktienmärkte (v.a. in den USA) sind viele Jahre gestiegen und 2017 haben sich Anstiege sogar noch beschleunigt. Sie wurden teuer! Das war für jeden sichtbar. Doch solange die Musik spielt, wird getanzt. Woher dann der Stimmungskiller kommt, ist fast schon zweitrangig, dass er kommen musste, war sicher.

Aus unserer Sicht war die Korrektur notwendig, um die überhitzte Stimmungslage abzubauen. Dies geht aber nicht in vier Wochen! Nun sind viele verunsichert und auch die Stimmungsumfragen in der Wirtschaft kühlen sich von Monat zu Monat von ihren zu euphorischen Niveaus ab – das dauert eine Weile und führt immer wieder auch an den Aktienmärkten für Verunsicherung.

Ausblick

Irgendwann werden jedoch Bewertungsniveaus erreicht, die vernünftig sind. Die Wirtschaftsindikatoren finden ein Gleichgewicht und fallen nicht mehr weiter. Viele ängstliche Anleger haben verkauft. Die Kurse beruhigen sich. Aus der Angst vor einem Handelskrieg werden konstruktive Gespräche über neue Freihandelsabkommen und fairere gegenseitige Bedingungen. Das Gute an dieser Diskussion ist, viele TTIP-Gegner (Transatlantisches Freihandelsabkommen) hierzulande, die 2016 noch gegen mehr Freihandel waren, werden nun zu wahren Freihandels-Fans (weil es die gegenteilige Meinung zu Trump ist). Das finden wir klasse! In Europa sind bereits Bewertungsniveaus im Aktienmarkt erreicht, die eigentlich zu Käufen einladen würden. Die Amerikaner brauchen wohl noch etwas. Starke Kursschwankungen sind in solchen Phasen normal. Mit weiteren 10-15% Kursverlust ist am Aktienmarkt sowieso immer zu rechnen.

 

Wie beim Kater am Tag nach der Party, kann man sich schwer vorstellen, dass bald die nächste Feier ansteht. So auch jetzt. Massiv Aktien zu kaufen, traut sich noch keiner. Die Rekonvaleszenz braucht noch ein wenig Zeit. Doch irgendwann – sagen wir bis in den Sommer hinein - ist man wieder bereit und gestärkt, die nächste Party in Angriff zu nehmen.

Autor:

Daniel Zindstein, Geschäftsführer der Zindstein Vermögensverwaltung GmbH, schreibt im Auftrag der German Capital Management AG (GECAM AG). Der GECAM-Marktkommentar erscheint monatlich.


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