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AKTUELLE MARKTEINSCHÄTZUNG – Juni 2017


Die Stimmung in Europa ist gut, mancherorts sogar sehr gut. Wirtschaftlich läuft es wie seit vielen Jahren nicht mehr und politisch ist auf absehbare Zeit keine Unfallgefahr mehr zu erkennen. Ein Zeitfenster von ein bis zwei Jahren für große Vorhaben in der EU könnte sich auftun. Die EU-Kommission hat schon ein Papier erarbeitet, das den Weg in die Schulden- und Haftungsunion aufzeigt. Doch die Abrechnung, ob dies wirklich der Weg ist, den die Völker wollen, kommt – wie immer – erst danach.

 

Wangen im Allgäu, 2. Juni 2017: Die Parlamentswahl in Holland und die Präsidentenwahl in Frankreich sind ohne größere „Unfälle“ bezüglich eines europakritischen Ausgangs vonstatten gegangen. Das reicht offensichtlich aus, um bedeutende internationale Kapitalströme wieder in Richtung „Good old Europe“ umzuleiten, wie die steigenden Aktien- und Anleihenmärkte und der anziehende Euro signalisieren. Doch was ist die Grundlage?

 

Aktuell die beste aller Welten für Aktienanleger

 

Wie von uns schon seit langem kommentiert, ist Europa in keiner so schlechten Verfassung, wie das die Aktienmärkte in den vergangenen Jahren, vor allem im Vergleich zu den US-Märkten, darlegten. Im Gegenteil, Europa und vor allem Deutschland wachsen überdurchschnittlich und robust. Jüngst stabilisierte sich sogar das Wachstum in Frankreich, während Spanien schon seit Jahren überdurchschnittlich wächst und Portugal aktuell geradezu positiv überrascht. Europas Wirtschaft wächst also 2016 und auch im laufenden Jahr stärker als die US-Wirtschaft. Darüber hinaus ist das Wachstum hierzulande strukturell gesünder als in den USA. Während das US-Wachstum vorwiegend kreditgetrieben stattfindet (Autokredite, Konsumentenkredite, Studienkredite, Staatsverschuldung -4,4%, usw.), ist der Zuwachs in Europa vor allem strukturell bedingt und somit qualitativ viel höher einzuschätzen. Bei aller Unterschiedlichkeit in der Eurozone hat die Staatsverschuldung sich in Summe 2016 nur um 1,7% erhöht im Vergleich zu 4,4% bei den Amerikanern.

 

Seit diesem Jahr sind auch die letzten warnenden Stimmen vor einer Deflation verstummt (die im Übrigen nie ernsthaft bestand). Die Inflationsraten halten sich zwischen 1% und 2% und werden wohl auch im Rest des Jahres stabil dort verharren. Wie man weiß, sind moderate Inflationsraten das beste Umfeld für Unternehmen und somit für die Aktienmärkte. Erstens bietet eine gewisse Teuerung Spielräume für Unternehmen, um höhere Preise am Markt durchzusetzen und somit die Gewinnmargen besser an veränderte Kostenbedingungen anzupassen. Zweitens stärkt eine Geldentwertung die Anlage in Sachwerten – wozu Aktien neben Immobilien und Gold zweifellos gehören – gegenüber der Anlage in Zinspapieren.

Die Konjunktur läuft überdurchschnittlich, die Wirtschaft wächst, Unternehmensgewinne legen zu, erste Investitionszuwächse sind zu verzeichnen und internationales Kapital fließt nach Europa zurück, während ein moderates Inflationsumfeld vorherrscht.

 

Als wäre dieses Umfeld für Aktienanleger nicht schon paradiesisch genug, kommt noch hinzu, dass die Europäische Zentralbank (EZB) eine dermaßen offensive Geldpolitik (Geld drucken) betreibt, als ob wir uns in der allertiefsten Wirtschaftsrezession seit Menschengedenken befänden! Über Sinn und Unsinn von Zinssätzen unter Null, monatlichen Anleihekäufen über 60 Mrd. Euro kann gerne ausführlich gestritten werden. Fakt ist, dass das Drucken von so viel Geld nicht in das wirtschaftliche Umfeld passt und die Preise von Vermögensgütern (Immobilien, Anleihen, Aktien, Kunst, Oldtimer…) weiter nach oben treibt – man spricht von starker Vermögenspreis-Inflation.

 

Heile Welt oder im Auge des Sturms?

 

Nicht nur wirtschaftlich herrscht heile Welt vor, nein auch politisch sind keine Unfälle in Sicht und die Einigkeit der Europäer wird allerorten beschworen. Waren in den letzten Jahren Finanzkrise, Griechenland-Krise, Euro-Krise, Brexit, usw. vorherrschend, so scheint seit der Wahl Macrons alles klar in Richtung MEHR Europa eingestellt zu sein. Offensichtlich ist der Schrecken über den Brexit, das Verhalten von Trump und die Erleichterung, dass in Frankreich Marine Le Pen nicht Präsidentin wurde so groß, dass aktuell eine starke Bereitschaft der wichtigsten Politiker vorhanden scheint, EU-Verträge zu ändern und große strukturelle sowie substantielle Veränderungen anpacken zu wollen.

 

Und in der Tat scheint 2017 ein politisches und wirtschaftliches Zeitfenster zu bieten, in welchem solche Veränderungen möglich sind. Doch worum geht es konkret und was käme danach?

 

EU-Kommission will Währungsunion „vollenden“

 

Just in dieser Woche hat die EU-Kommission ein „Reflexionspapier“ vorgestellt mit dem Ziel die Währungsunion zu „vollenden“. Die Kommission legt dabei nur Vorschläge und Denkansätze vor, hat aber schon konkret den Zeitpunkt der „Vollendung“ im Blick, nämlich 2025. Sie weiß also nicht wohin es gehen soll, aber der Zeitpunkt der Ankunft steht schon fest.

Inhaltlich geht es um viele Abkürzungen, Fremdwörter und bewusst gewählte Schönsprech-Terminologie: SBBS (Soverign Bond-Backed Securities), EDIS (gemeinsame Versicherung von Bankeinlagen), SRF (Euro-Bankenabwicklungsfonds), ESBies (European Safe Bonds), gemeinsame Fiskalkapazität, Europäischer Finanzminister, Europäisches Schatzamt, usw.

Allein diese Flut von Institutionen, die neu gegründet werden sollen oder schon existieren und dann „weiterentwickelt“ werden müssten - aber diesmal nicht unter dem Zugriff der Nationalstaaten (wie z.B. der ESM), sondern unter Herrschaft der EU-Kommission - verwirrt nicht nur den gemeinen europäischen Wähler, sondern auch geneigte Beobachter des Geschehens.

 

Grundsätzlich geht es um drei Dinge: Erstens, die „Finanzunion“ zu verwirklichen, d.h. die Bankenhaftung soll vergemeinschaftet werden. Zweitens soll die „Kapitalmarktunion“ umgesetzt werden. In der Formulierung der Kommission geht es hierbei um „eine stärkere grenzüberschreitende Integration der Kapitalmärkte und neue Finanzierungsinstrumente zur Förderung von Investitionen“. Manche Modelle laufen auf eine teilweise Vergemeinschaftung der Schulden/Haftung hinaus. Z.B. eine „Fiskalkapazität für reformbereite Eurostaaten“, oder ein „allgemeiner Notgroschen“ aus dessen Mitteln eine Euro-Instanz in Krisenzeiten Konjunkturpolitik betreiben könnte. Desweiteren ein „Euro-Fonds“, der einzelne Mitgliedstaaten in Krisen stützen könnte oder eine „europäische Rückversicherung für die nationalen Arbeitslosenversicherungen“, usw. Im allgemeinverständlichen Deutsch geht es um gemeinsame Haftung für Schulden, wobei das Wort „Eurobonds“ wohl bewusst mit Blick auf die Bundestagswahl vermieden wird. Drittens geht es um die Gründung der noch fehlenden Institutionen, die einen gemeinsamen Euro-Haushalt (der dann natürlich durch eine neue europäische Steuer finanziert wird) bewirtschaften sollen: Ein europäisches Schatzamt, einen europäischen Finanzminister und ein Parlament, bestehend aus Mitgliedern des Euro-Währungsraumes, das dann alle Ideen „demokratisch“ absegnen und somit legitimieren soll.

 

Was kommt danach?

 

Gehen wir einmal davon aus, dass nach den Parlamentswahlen in Frankreich am 11. und 18. Juni keine vernünftige Mehrheit für den neuen Präsidenten zustande kommt und weitreichende und tiefschürfende Reformvorhaben deshalb im Kleinkrieg der Parteien und Gewerkschaften versanden, wie in den letzten Jahrzehnten auch. So bleibt Emmanuel Macron nur die Option, auf europäischer Ebene Erfolge zu erzielen im Hinblick auf gemeinsame Finanzierungs- und Haftungsfragen.

Gehen wir weiter davon aus, dass nachdem wichtige und große Länder (Holland, Frankreich, Deutschland, Italien) in diesem Jahr ihre Parlamente neu gewählt haben, die Zentralisierungs- und Vergemeinschaftungs-Ideen ein so großes Momentum gewinnen, dass ganz konkret einzelne Teile schnell umgesetzt werden und große strukturelle Veränderungen vorbereitet werden.

 

Könnte es dann nicht sein, dass bei Wahlen und Abstimmungen in der Folgezeit (2018/2019), vor allem in den stabilitätsorientierten Ländern die Wähler Europa-Kritikern an die Regierung verhelfen? Die Erkenntnis, ob eine solche Politik der institutionalisierten Vergemeinschaftung ohne politische Union und nur leidlich demokratisch legitimiert - wie wir das heute ja auch schon bei der EZB und beim ESM beobachten - gewünscht wird, kommt nämlich erst danach. Entsprechende Verwerfungen an den Kapitalmärkten wären die Folge.

Kommt dann noch eine konjunkturelle Schwächephase, die es sicher auch einmal wieder geben wird - vielleicht ausgehend von den USA - hinzu, würde dies den politischen Sprengstoff eines solchermaßen eingeschlagenen Weges zusätzlich erhöhen.

 

Fazit

 

Aktuell herrscht heile Welt: Kaum politische Risiken in Europa (außer dem Brexit-Gezeter) und ein lange nicht mehr gesehener wirtschaftlicher Aufschwung in fast allen europäischen Ländern. Nach vielen Jahren der Krise ein sich geradezu wohlig anfühlender Zustand. Doch dies könnte nur eine Zwischenphase sein, die übermütige und gedrängte Politiker dazu nutzen, einen Weg der Vergemeinschaftung vor allem der Finanzen weiter fortzusetzen und zu beschleunigen, der in der Vergangenheit bereits an der Nichteinhaltung selbstgesetzter Regeln gescheitert ist. Nüchtern betrachtet wird also aus unserer Sicht der Weg in die falsche Richtung fortgesetzt und dazu noch die Geschwindigkeit erhöht. Es ist unschwer daraus abzuleiten, dass die Crash-Gefahr steigt – nicht nur an den Finanzmärkten. Somit ist es gerade nicht das Jahr der großen Urnengänge 2017, in dem es politische Krisen geben könnte, sondern erst in den Folgejahren.

 

Bis dahin bleibt die heile Welt aus niedrigen Zinsen, steigenden Aktien-, Anleihen- und Immobilienpreisen erhalten. Tanzen Sie, solange die Musik spielt!

 


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